Brevet – Vierhundert Kilometer 2015 – Eine Prüfung mit Schlaf

Zurückblickend auf das 400er Brevet vom letzten Jahr hatte ich mir zwei Dinge für diese Runde vorgenommen. Um akuten Müdigkeitsanfällen vorzubeugen, wollte ich das erste Mal ausprobieren, wie es ist, auf einem Brevet zu schlafen (auch wenn es nur kurz wäre). Zudem wollte ich kurze Pausen am Straßenrand in der Nacht vermeiden, da diese im letzten Jahr mit einer ständigen Abkühlung des nassgeschwitzten Körpers und ebenfalls regennassen Klamotten zu einer Erkältung geführt hatten. Diese Erkältung war mit der Hauptgrund, das 600er Brevet im letzten Jahr nicht zu schaffen. Und so machte sich wieder eine Meute von Randonneuren fleißig an die Arbeit, pedallierend die Zahl der Jahreskilometer auf dem Fahrrad nach oben zu schrauben. Wie immer erfolgte der Start im Amstel House in Moabit. Vom Streckenverlauf ähnelten die 400 Kilometer denen vom letzten Jahr, lediglich mit der Abweichung, dass wir diesmal entgegen dem Uhrzeigersinn fuhren. Und irgendwie hat es Ralf noch geschafft ein paar Extrakilometer hineinzupacken. So sollten es bei erfolgreicher Absolvierung des Brevets am Ende 412 Kilometer sein. Im letzten Jahr hatten wir eheblichen Gegenwind, für einen Großteil der Strecke nach Norden radelnd. So hatten wir gehofft, bei umgekehrter Fahrtrichtung ein wenig Rückenwind zu bekommen. Aber nicht nur die Strecke kann man drehen, der Wind kann Selbiges auch.

Windschnittig

Windschnittig

Keep Riding!!!

Keep Riding!!!

Wir verließen Berlin in Richtung Norden, gewohnt in moderatem Tempo und dann doch zügiger in 2er-Formation sobald die Stadtgrenze passiert wurde. Der erste Kontrollpunkt war in Hammer in einer Bäckerei, welche wohl dank der hohen Anzahl an Randonneuren einen erheblichen Umsatz gemacht haben dürfte.

Bei den DAmen vom Bäcker

Bei den Damen vom Bäcker

Die Startgruppe zerfiel durch den Kontrollpunkt in mehrere Gruppen und Einzelfahrer. Und auch ich machte mich auf die alleinige Weiterfahrt. Ich genoss die Ruhe, und habe mal hier und mal dort angehalten um manche Szenerie fotografisch festzuhalten oder mich in freier Wildbahn dem normalsten Geschäft der Welt zu widmen.

Hölzerner Kirchturm

Hölzerner Kirchturm

Ralf sein Lieblingsgeläuf

Ralf sein Lieblingsgeläuf

Goldig

Goldig

Durch die etlichen kleinen Pausen lieferte ich mir ein kleines „Hase und Igel“-Rennen mit einem bemerkenswerten Pärchen. Die Beiden, deren Namen ich leider nicht erfragt hatte, sind mir schon beim 300er Brevet durch eine stetig konstante, aber zielführende Fahrweise aufgefallen. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem Rad ist schneller als die der Beiden, aber durch meine Pausen sind Sie immer wieder an mir vorbeigefahren. Ich glaube bei diesem Brevet haben wir uns insgesamt fünf Mal auf der Strecke gesehen. Ich werde versuchen beim 600er Brevet mehr zu erfahren, und vielleicht ein bis zwei Fotos mit Ihnen zu ergattern. Die Fahrt bis nach Lunow, dem zweiten Kontrollpunkt war landschaftlich schön und sehr hügelig. Doch die prächtig gelb-blühenden Rapsfelder und die grünen Getreidefelder sorgten für tolle Farbkontraste auf der Netzhaut. Den zweiten Stempel des Tages gab es bei einem Supermarkt und eine Stärkung gab es wohl auch hier für die meisten der angekommenen Randonneure. Zumindest die Müllanhäufung lässt dieses vermuten.

Voll ist Voll

Voll ist Voll

Auch Lunow verließ ich alleine und holte kurze Zeit später Burkhard ein. Er hängte sich an mein Hinterrad und so hatten wir zusammen das Glück, auf eine RTF-Gruppe aus Bernau zu treffen, in deren Schlepptau wir ungefähr fünf bis zehn Kilometer kraftsparend mitrollen konnte. Ist das eigentlich schon fremde Hilfe? Soll ein Brevet nicht ohne fremde Unterstützung gemeistert werden? J Als wir zum Oderdeich abbogen, trennten sich die Wege der Brevetfahrer und der RTF-Teilnehmer. Bis zum nächsten Kontrollpunkt nach Kienitz ging es ungefähr 30 Kilometer parallel zur Oder entlang. Burghard überließ mir meistens die Führungsarbeit und wir holten zusammen Peter ein, der sich ebenfalls an unsere Hinterräder heftete. Burghard bedankte sich artig bei mir für die geleistete Führungsarbeit, wobei die Anstrengung für mich relativ gering war, trotz des stetig von Vorne wehenden Windes. In Kienitz waren mittlerweile 155 Kilometer absolviert und viele der bekannten Randonneursgesichter tummelten sich auf der sonnigen Terrasse vor dem Häuschen des eigentlichen Kontrollpunktes. Ich hatte bewusst in Kienitz keine längere Pause gemacht. Dies wollte ich erst bei Kilometer 220 und dort eine erste warme Mahlzeit zu mir nehmen. Doch die Weiterfahrt alleine war erheblich anstrengend, sodass ich in Seelow (Kilometer 178) einen Lebensmitteldiscounter aufsuchte und dort zirka 20 Minuten verweilte. Pflaumenkuchen, Knusperflocken, Cola und Wasser standen als kleiner Snack auf der Speisekarte. Kurz hinter Seelow holten mich von hinten Mathias, Wolfgang und Dietmar ein. Eigentlich hatten Sie in Kienitz über eine Stunde Vorsprung, aber auch Sie entschieden sich in Seelow eine Lokalität aufzusuchen, wo Sie sich stärkten. So radelten wir zusammen, mittlerweile teilweise mit Regenklamotten ausgestattet, zum vierten Kontrollpunkt nach Mixdorf. Ich freute mich auf eine ordentliche Portion Kohlenhydrate, doch leider sagte uns die Besitzerin, dass die Küche aufgrund einer Jugendweihe-Veranstaltung geschlossen habe. So gab es lediglich ein heißes Würstchen in einem Brötchen.

Des Radlers Rast

Des Radlers Rast

Ein Trugschluss

Ein Trugschluss

Auch Okay

Auch Okay

Zum Wohl

Zum Wohl

Das war mir jedoch zu wenig, vor allem weil noch 190 Kilometer zu absolvieren waren. Ich erinnerte mich an den Ausflug letzte Woche in den Spreewald und wollte dann in Schlepzig (Kilometer 270) mich für die bevorstehende Nacht kalorientechnisch wappnen. Auch Mixdorf verließ ich wieder alleine. Doch einige Kilometer hinter Beeskow, es hatte sich bereits ein heftiges Gewitter am Horizont angedeutet, kamen mir vier Randonneure entgegen. Falsche Richtung?! Nein, auch Sie hatten sich als sicheren Unterschlupf vor dem Gewitter eine massiv gemauerte Bushaltestelle ausgesucht. Die vier Randonneure waren, so wollte es wohl der Zufall, Mathias, Wolfgang, Dietmar und Peter. Zusammen verbrachten wir ungefähr eine Stunde dort. Es war aber ausgesprochen kurzweilig und sehr erheiternd.

Dunkle Vorzeichen

Dunkle Vorzeichen

Der Bus wird nicht benötigt

Der Bus wird nicht benötigt

Der Randonneur auf der rechten Bildseite ist der Dietmar. Und auch er hat wieder einen tollen Erlebnisbericht verfasst und ebenso ein paar tolle Momente fotografisch festgehalten: 400-kilometer-potz-blitz-und-donnerschlag/

Nach dem der Platzregen vorüber war, radelten wir weiter und genossen die Farbenspiele der untergehenden Sonne und den Wolken. Für mich sind diese Stunden auf dem Fahrrad die schönsten. In Schlepzig trennten sich dann die Wege für dieses 400er Brevet. Ich suchte mir einen Landgasthof und nahm leckere Speisen zu mir.

Poesie am Abend

Poesie am Abend

Essensrationen

Essensrationen

Gezeichnet von 270 Kilometern

Gezeichnet von 270 Kilometern

Gegen 21 Uhr ging es zurück auf die Strecke durch die Dunkelheit bis nach Dahme. Den fünften Kontrollpunkt (KM 313) erreichte ich gegen 23.15 Uhr und holte mir schnell den verdienten Stempel bevor ich die ortsansässige Sparkasse aufsuchte. Es war Zeit für ein kleines Nickerchen. Ich zog alle überflüssigen Klamotten aus und hoffte für 45 Minuten die Augen neben dem Kontoauszugsdrucker schließen zu können. Und die Hoffnung wurde erfüllt. Ich erschrak, als ich den Wecker hörte – soweit muss ich wohl im Traumland gewesen sein?! Ich zog mir wieder sämtliche Klamotten an. Mehrere Schichten, damit die Kälte der Nacht keine Chance haben würde. Dass es aus der Nacht und der getätigten Übernachtung keine Bilder gibt, lag wohl an meiner Verfassung. Ich war zwar körperlich fit und hatte keinerlei Beschwerden, doch irgendwie hat die Motivation gefehlt, vom Fahrrad zu steigen und die Motive der Nacht festzuhalten. Lediglich den Mond musste ich verewigen, aber dieses Foto erinnert mich aber eher an die Postkartenmotive meiner Kindheit, frei nach dem Motto: „Mummelsee bei Nacht“! Und auf der Postkarte war Nichts zu sehen als Schwarz.

Brandenburg bei Nacht

Brandenburg bei Nacht

Die Stunden in der Nacht verliefen dementsprechend recht ereignisarm. Bis zum letzten Kontrollpunkt vor Berlin, in Trebbin (KM368), traf ich keinen Randonneur auf der Strecke. Leider konnte man sich in der Tankstelle am Kontrollpunkt nicht aufwärmen. Aufgrund der nächtlichen Uhrzeit hatte lediglich der Nachtschalter offen und alle zu dieser frühen Stunde (3 Uhr) aufgeschlagenen Radler mussten Ihre Speisen und Getränke im Freien genießen. Die windige Brise ins Gesicht gab es gratis dazu. Da sich an der Tankstelle noch zirka 7 Randonneure befanden, beeilte ich mich mit der Nahrungsaufnahme und versuchte die kleine Gruppe schnell einzuholen. Das gelang mir dann auch nach 5 Kilometern. Diese kleinen, roten Rücklichter in der Nacht sind sehr motivierend. Natürlich nur dann, wenn sie dichter kommen. Wir fuhren zusammen bis nach Berlin-Zehlendorf durch die Nacht, wo der Himmel sich von Osten her schon wieder langsam erhellte. In Zehlendorf ließ ich dann noch eine kleine Tradition vom letzten Jahr aufleben. Einen Espresso trinken. Wahnsinnig lecker. Dementsprechend hellwach ging es durch das aufwachende Berlin zurück nach Moabit. Selbst die Ampeln haben in sämtlichen Farben die Einfahrt begrüßt. Rot-Rot-Rot-Grün-Gelb-Grün-Rot-Rot-…-Grün. Gegen halb Sechs morgens erreichte ich den Startpunkt. Stolz auf die Leistung verweilten noch einige Randonneure im Amstel House. Manche erzählten sich die Erlebnisse des Tages, manche hatten den Kopf auf den Tisch und manche saßen einfach nur mit leerem Blick da. Doch viele hatten vielleicht auch schon die Vorfreude auf die 600 Kilometer in drei Wochen im Kopf. Es geht Richtung Norden. An die Ostsee. In diesem Sinne. KEEP RIDING!!!

Rundkurs

Rundkurs

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