Brevet – Sechshundert Kilometer 2015 – Eine Prüfung, die nicht geschafft wurde

Eine Mandelentzündung und eine anschließender grippaler Infekt zwangen mich das 600er Brevet in Berlin abzusagen. Um trotzdem die Qualifikation für Paris-Brest-Paris zu schaffen musste ein Ersatztermin her. Perfekt in den privaten, wie auch betrieblichen Terminplan passte das 600er Brevet in Sachsen. Dieses Brevet startete entgegen den meisten Brevets nicht in den Morgenstunden am Samstag, sondern in der Abenddämmerung am Freitag gegen 18.30 Uhr.

600er Brevet – Auf den Brocken

Der Startort lag östlich von Leipzig, in Bennewitz. Da Bennewitz einen eigenen S-Bahnhof besitzt entschied ich mich zur Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Reiseroute per Zug begann am Berliner Ostbahnhof, mit kurzem Zwischenstopp Dessau und dem finalen Umstieg in die Leipziger S-Bahn. Ich verkürzte mir die Zeit mit einem Roman über einen Hamburger Fahrradkurier, der aufgrund eines Fahrradunfalls außer Gefecht gesetzt worden ist, und daraufhin seinen vor kurzem pensionierten Vater überredet, die Kurierdienste für Ihn zu übernehmen. Eine durchaus entspannte Brevet-Vorbereitung.

Ein Zweirad geht auf die Schiene

Ein Zweirad geht auf die Schiene

Lese- und Koffeinstoff

Lese- und Koffeinstoff

Im Regional-Express von Dessau nach Leipzig zeigten ein radelnder Fahrgast und ich einem jungen Radenthusiasten, wie man einen defekten Schlauch flickt. Man mag es nicht glauben, aber es war für Ihn das erste Mal, dass er ein vorhandenes Loch im Schlauch „stopfte“. Laut seiner Aussage kauft er sich in diesen Fällen neue Schläuche – Was für eine Verschwendung!

Stopfen I

Stopfen I

Stopfen II

Stopfen II


Aber zurück zum Brevet. Ich erreichte die Sporthalle in Bennewitz gute zwei Stunden vor dem Start und nutze die Zeit für eine letzte Stärkung, dem Auftragen von Sonnenmilch, die trotz des späten Starts von Nöten war. Zudem packte ich meine kleine Begleitertasche. Es waren enthalten: Regenklamotten – Sonnenmilch – Zahnbürste und Zahnpasta – Verpflegung – Wechselklamotten – Chamois-Creme. Ich war der Hoffnung, dass all diese Sachen die bevorstehenden Leiden bestmöglich lindern.

Blütenpracht

Blütenpracht

Kohlenhydrate

Kohlenhydrate

Zucker

Zucker

Es waren insgesamt vierzig Starter und der Organisator Olaf ließ es sich nicht nehmen noch ein paar kurze Worte ans Teilnehmerfeld zu richten. Mit seiner Aussage, dass der Brocken und der Anstieg bei Kyffhäuser nicht das Anstrengendste der Tour wären, sondern das permanente Auf und Ab in Thüringen, ließ ein kleines Raunen durch das Feld ziehen. Die zwei Gruppen verließen im Abstand von fünf Minuten den Startort und es ging zunächst in westliche Richtung nach Leipzig.

Perlenschnur

Perlenschnur

Gute Laune

Gute Laune

Alte Windnutzung

Alte Windnutzung

Neue Windnutzung

Neue Windnutzung

Gen Westen

Gen Westen

Meine Beine und mein Körper fühlten sich gut. Das Tempo war zwar beachtlich hoch (ca. 30 km/h), aber ich hatte die Möglichkeit mich gut im Feld zu verstecken, um Kräfte zu sparen. Insgesamt gab es bei diesem Brevet nur fünf Kontrollpunkte. Auf dem Brocken (KM 226), in Bad Sulza (KM 377), am Rasthof Berg an der A9 (KM 501), in Meerane (KM 597) und im Zielort Frohburg (KM 637). Die letzte Möglichkeit vor der einsetzenden Nacht nochmal die Getränkevorräte zu füllen war nach ca. 80 Kilometern. Üblicherweise war es eine Tankstelle, doch leider hatte diese schon in den „Nachttresor-Modus“ gewechselt. Das Resultat war, dass sich neben den normalen Kunden einer Tankstelle auch die teilnehmenden Randonneure in die Warteschlange einreihen mussten. Aber die freundliche Bedienung ließ sich den Stress gar nicht anmerken. Und aufgrund der angenehmen Temperaturen war das Warten auch kein Problem.

Ausgebremst

Ausgebremst

Tankstelle

Tankstelle

Das Gelände der Tankstelle verließ ich alleine, da ich mir relativ viel Zeit ließ, um zu Essen, zu Trinken und die Flaschen wieder aufzufüllen. Wenige Kilometer weiter, die Dunkelheit setzte bereits ein, sah ich zwei radelnde Kollegen, die sich um die Lichtanlage eines Rades sorgten. Leider musste dieser Kollege das Brevet abbrechen, da er diesen Defekt nicht mehr beheben konnte. Und ohne Licht durch die Nacht zu fahren, wäre ziemlich unvernünftig. Wir trafen uns nochmal am nächsten Tag in der Sporthalle und er meinte zu mir, dass es für Ihn der erste Abbruch eines Brevets gewesen wäre. Nach insgesamt 61. Unglaublich.

Auch alleine war ich recht zügig unterwegs, aber permanent den Puls im Auge behaltend, dass dieser sich in einem angenehmen Bereich befindet. Kurz vorm Einsetzen der Nacht erreichte ich Seeburg und ließ mich für zwei Minuten nieder um eine kleine Fotopause einzulegen.

Lichter

Lichter

Die nächste Pause war dann in Mansfeld (KM 125). Ich ließ mich in einer Sparkasse nieder und legte die Ärmlinge und Beinlinge für die Nacht an. Die Temperaturen waren zwar angenehm, aber die gelegentlichen Abfahrten im Vorland des Harzes waren doch sehr kühl. Ich nahm wieder ein paar Happen zu mir und merkte die Anstrengung der hügeligen Fahrt durch den Abend. Ich glaube das „Selfie“ kann das am besten beschreiben.

Strapazen

Strapazen

Aber, es sollen in diesem Blog ja nicht nur die tollen Momente präsentiert werden. Nach 20-minütiger Pause setze ich die Reise durch die Nacht fort, doch ich kam komischer Weise überhaupt nicht mehr in die Gänge. Die Grundgeschwindigkeit war für dieses Terrain mehr als in Ordnung, doch jede Pedalumdrehung dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Dieses Gefühl war vollkommen neu für mich. Und das schon so früh im Brevet. Zudem meldeten sich die Mandeln. Jeder Schluckvorgang, und das sind durch die ständige Aufnahme von Getränken und Essen eine Menge, verursachte Schmerzen im Rachenraum. So dauerte es nicht mehr viele Kilometer bis ich entschloss, dass Brevet zu beenden und der Gesundheit zu Liebe auszusteigen. In Harzgerode (KM 153) setzte ich mich an den Straßenrand und unterrichtete Tanja von meinem Abbruch. Ich glaube es war ca. 1 Uhr in der Nacht.

Doch nun musste ich mir Gedanken machen. Wie komme ich wieder zurück? Wo ist denn der nächste Bahnhof? Und vor Allem, wann fährt der nächste Zug? Und an diesem Punkt hat die mobile Datenkommunikation dann eindeutig Ihre Stärken. Ein kurzer Blick in die App der Deutschen Bahn. Der nächste Bahnhof lag in ungefähr 17 Kilometern Entfernung. In Quedlinburg sollte der erste Zug Richtung Leipzig gegen halb sieben in der Früh den Bahnhof verlassen. Ich ließ mir kurz den Weg auf meinem GPS-Gerät berechnen und machte mich dann auf den Weg. Doch die schwerste Prüfung dieser für mich 177 Kilometer langen Ausfahrt sollte erst noch kommen. Kurz hinter Harzgerode erwartete mich ein Anstieg von 14-16%. Zu allem Überfluss bekam ich einen Hungerast und verbrachte ein paar Minuten am Straßenrand um die letzten Essensreserven zu mir zu nehmen. Ich erreichte Quedlinburg gegen drei Uhr morgens und suchte mir erneut eine Sparkasse, um mich dort ein wenig auszuruhen und die Augen zu schließen.

Hauptbahnhof Quedlinburg

Hauptbahnhof Quedlinburg

Resignation

Resignation

Ich wachte gegen 5 Uhr wieder von Alleine auf. Es lag wohl an der unbequemen Unterlage. Fliesen. Ich packte ganz langsam meine Sachen zusammen und wollte mir eine Bäckerei suchen. Gerade als ich die Bank verlassen wollte, erblickte ich direkt gegenüber einen Bäcker. Und entgegen der angeschlagenen Öffnungszeiten hatte dieser schon eine halbe Stunde früher geöffnet. Man muss auch mal Glück haben!

Glücksmoment I

Glücksmoment I

Glücksmoment II

Glücksmoment II

So endete mein Ausflug per Rad am Quedlinburger Bahnhof. Es erfolgten etliche weitere Kilometer per Zug über Leipzig, über den Startort Bennewitz (die hinterlegten Sachen abholen), wieder über Leipzig und zurück nach Berlin. Mein Abenteuer 600er Brevet endete gegen ca. 15 Uhr in Berlin und es folgte eine Riesen Portion Schlaf.

Berauschend

Berauschend

Heimfahrt

Heimfahrt

Und was bleibt?

Ganz nüchtern betrachtend habe ich die Qualifikation für Paris-Brest-Paris nicht geschafft. Es wird somit keinen Start in diesem Jahr über 1200 Kilometer in der französischen Hauptstadt geben. Die nächste Möglichkeit ist dann wieder in vier Jahren. Aber ob es dann in vier Jahren eine Teilnahme von mir geben wird, da bin ich mir noch nicht sicher. Ich bleibe dem Brevet-Sport aber gewogen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie viel Zeit sich von meiner Seite in den Radsport investieren lässt, ohne dass die privaten Dinge zu kurz kommen. Denn der zeitliche Aufwand ist für solch eine Unternehmung immens. Die anfängliche Enttäuschung es dieses Jahr nicht nach Paris geschafft zu haben, war schon recht groß. Doch eine Sache die ich leider wieder lernen musste. Der Körper holt sich seine Auszeiten. Und mit diesem Wissen ist die Enttäuschung dann auch passé. An dieser Stelle möchte ich gerne Wolfgang zitieren, der mich direkt nach dem Abbruch aufgemuntert hat mit den Worten: „Geht immer weiter!“

In diesem Sinne. Bleibt gesund und hört auf Euren Körper.

Allen Randonneuren die in Paris starten, wünsche ich stets gute Beine.

KEEP RIDING!

Einen schönen Bericht findet sich auch im Blog von radlausick!

23-06-2015 17-04-24

10 Gedanken zu „Brevet – Sechshundert Kilometer 2015 – Eine Prüfung, die nicht geschafft wurde

  1. randonneurdidier

    Hi Rene, alter ( junger) Fighter!
    Auch zu berichten, wenn ein Vorhaben gescheitert ist, macht den wirklich guten Sportler aus! Die – vermeintlichen – Niederlagen sind immer noch die nachhaltigste Methode, wirklich besser zu werden. „Geht immer weiter“ Genauso sehe ich das auch. Allemal sehr schade finde ich es, Dich nicht in Paris dabei zu haben. Schöne lange Brevets gibt es aber auch anderswo – LEL zum Beispiel. Du wirst schon das Richtige finden. Bleib munter!

    Antwort
    1. reneheiden Autor

      Hey Dietmar – Danke Dir für die Worte! Habe mit Wolfgang schon mal locker über den Fleche gesprochen nächstes Jahr. Ist nicht so intensiv und laut Deinen Berichten ein lohnendes Erlebnis?!

      Antwort
  2. randonneurdidier

    Den Flèche kann ja selber im Anspruch nach oben schrauben. 2014 sind wir 402 km gefahren. Das läßt sich noch erweitern… Lohnend finde ich es auf jeden Fall, morgens vor der Wartburg stehen mit 200 anderen Randonneuren. Gänsehaut! Ich hätte da schon eine Idee für ein 5er Team!

    Antwort
  3. Lutz

    Hallo Rene,
    ist ja schade und ärgerlich. Zumal der Aufwand, den man in PBP investieren muss, schon relativ groß war/ist. Aber die Gesundheit zählt. PBP gibt es in vier Jahren auch wieder.
    Habe letztens mal von Super-Brevets in Ungarn und Schottland (nicht LEL) gelesen, sind sicher auch ne reizvolle Sache und die Teilnahme steht und fällt nicht mit den Qualis vorher.

    Antwort
    1. reneheiden Autor

      Hallo Lutz! Danke für die Tips. Und ich habe auch schon paar neue Ideen. Nichts Organisiertes, aber auch fordernd 🙂 Also fleißig dranbleiben beim Blog folgen 😉 Um deine Letzte Frage bezüglich der Fotos noch zu beantworten. Hatte schon immer ein Händchen für schöne Perspektiven und komischer Weise beim Radeln und gleichzeitigen Fotografieren einen guten Gleichgewichtssinn! Eltern haften für Ihre Kinder! Schöne Grüße

      Antwort
  4. alex

    Hallöchen, tja auch wenn ich kein Langstreckenfahrer bin ( kann ja noch werden ), „Niederlagen“ im Sinne von Infekten & Krankheit sind keine Niederlagen. Ich selber hatte dieses Jahr drei krankheitsbedingte Ausfälle, wovon ich sogar 2 Stück per AU abhandeln mußte. Das war in der Fa. schon fast eine Sensation, wo ich in den letzten sechs, wenn nicht sogar fünf Jahren ohne durchgewandert bin.
    Der letzte Schein war auf Rücken, wo es mich diesmal echt heftig erwischt hatte. Gefühlt habe ich zwei Monate gebraucht um wieder mein Trainingsprogramm mit Anstand abwickeln zu können.

    Aber wie schon gesagt wurde, es geht immer weiter, für alle.

    Antwort
    1. reneheiden Autor

      Hallo Alex, beim Lesen deines Kommentars kam mir sofort in den Sinn: „Schlimmer geht immer!“ Aus meiner Sicht ein Trost für mich und für Dich, dass Du nicht alleine bist 😉 Halte durch und Bleib dran!

      Antwort
  5. radlausicker

    Hey Rene! Danke für den ehrlichen Bericht! Ich habe solche Momente auch schon erlebt und denke, du hast alles richtig gemacht. Und eins weißt du ja schon, aber trotzdem nochmal:

    Es geht immer weiter!

    Viele Grüße!

    Martin

    Antwort
    1. reneheiden Autor

      Danke Martin! Ich glaube die Ehrlichkeit hilft einigen Neueinsteigern, die Sache nicht leichtfertig anzugehen! Euch einen tollen Ausflug ins Mutterland des Radsports!

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s